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Präzisionsmedizin der Zukunft

Forschende am MOLIT Institut für personalisierte Medizin entwickeln Methoden, mit denen sich medizinische Daten analysieren und individualisierte Krebstherapien verbessern lassen.

02.03.2026
Joachim Schüring

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Sie treffen sich jede Woche. Sie, das sind rund 20 Expertinnen und Experten aus Kliniken und Arztpraxen in Baden-Württemberg. Sie arbeiten in der Genetik, Molekularbiologie, Onkologie, Pathologie oder Radiologie, um nur einige zu nennen. Ihre Treffen finden online statt, im virtuellen Tumorboard VITU, einer digitalen Plattform des Heilbronner MOLIT Instituts für personalisierte Medizin.

Und dabei stehen stets die im Mittelpunkt, die selbst gar nicht dabei sind: Krebspatientinnen und -patienten, deren Fälle in dieser Runde besprochen werden. Mit dem Ziel, für jede und jeden einzelnen von ihnen die bestmögliche Therapie zu entwickeln. „Hundert Jahre haben wir bei der Therapieentwicklung in Kohorten gedacht und damit vielleicht 80 Prozent der Bevölkerung erreicht“, erklärt Christian Fegeler, der als Professor für Medizinische Informatik an der Hochschule Heilbronn lehrt. „Jetzt konzentrieren wir uns auf das Individuum.“ Dieser Ansatz der personalisierten Medizin, auch Präzisionsmedizin genannt, ist in der Geschichte der Medizin ein Paradigmenwechsel.

Das MOLIT gibt es seit 2017. Gegründet wurde es von dem Mediziner und IT-Experten Prof. Dr. Christian Fegeler und dem Onkologen Prof. Dr. Dr. Uwe Martens von den Heilbronner SLK-Kliniken. Beide stehen dem Institut, dessen Name sich aus „molekular“ und „IT“ ableitet, bis heute als Geschäftsführer vor.

Prof. Dr. Christian Fegeler studierte in Kiel und Aachen Humanmedizin. Nach der Promotion an der RWTH Aachen und der klinischen Tätigkeit in der Intensiv- und Notfallmedizin war er für die digitale Transformation in unterschiedlichen Krankenhausverbünden verantwortlich. Seit 2008 lehrt und forscht er als Professor an der Hochschule Heilbronn zu Interoperabilität und digitalen Prozessen in der Medizin. Er ist einer der Gründer des MOLIT Instituts für personalisierte Medizin in Heilbronn.

Christian Fegeler

Daten allein führen nicht zu Wissen

Damals hoben Fegeler und Martens auch das virtuelle Tumorboard VITU aus der Taufe und verknüpften Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen. Ihr Ziel: die gemeinsame Bewertung molekularer, genetischer und klinischer Daten einer Krebspatientin oder eines Krebspatienten. „Diese gelebte Vernetzung ist etwas Besonderes“, sagt Fegeler.

Voraussetzung dafür ist, dass die Daten und die Informationen so strukturiert sind, dass sie sich sinnvoll miteinander kombinieren lassen. Das geschieht mithilfe informatischer Verfahren und mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) – Methoden und Werkzeuge, die unter anderem am MOLIT entwickelt werden. Interoperabilität heißt dabei das Stichwort: Es bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, in diesem Fall der Plattform VITU, Daten strukturiert und standardisiert über Organisationsgrenzen hinweg auszutauschen und gemeinsam nutzbar zu machen; unabhängig davon, welche Software sie erzeugt oder empfängt. „Wichtig ist, dass wir aus den Daten nützliches Wissen generieren“, sagt Christian Fegeler. „Uns geht es ja um die Bewertung im Sinne eines an Krebs erkrankten Menschen: Welche genetischen Faktoren sind relevant? Welche Therapieoptionen erscheinen sinnvoll? Gibt es passende Studien, für die die Patientin oder der Patient infrage kommt?“

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Uwe Martens studierte in Essen und Freiburg Humanmedizin. Nach der Promotion an der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg und der klinischen Tätigkeit in der Inneren Medizin und Gastroenterologie war er als Oberarzt an der Universitätsklinik und am Comprehensive Cancer Center (CCCF) in Freiburg sowie als Geschäftsführender Oberarzt an der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg tätig. Seit 2007 ist er Klinikdirektor der SLK-Kliniken Heilbronn GmbH und seit 2010 im Geschäftsführenden Vorstand des Tumorzentrums Heilbronn-Franken. Prof. Martens ist Co-Gründer des MOLIT Instituts für personalisierte Medizin in Heilbronn.

Prof. Uwe Mertens

Daten – Forschung – Anwendung

Damit beschleunigt die datengetriebene Medizin den Weg von der Grundlagenforschung zur individuellen Therapie einer Patientin oder eines Patienten und wieder zurück. Dieser Kreislauf aus Forschung, Anwendung und Überprüfung des Therapieerfolgs zeichnet die sogenannte translationale Medizin aus – ein Ansatz, der am MOLIT seit 2020 intensiv verfolgt und zukünftig weiter ausgebaut wird. Bis Ende 2027, so der Plan, soll der Neubau des I³-Labs fertig sein – gefördert von der Dieter Schwarz Stiftung, der EU und dem Land Baden-Württemberg. Das I3 steht dabei für die Verknüpfung von Datenwissenschaft (in silico), molekularer Grundlagenforschung (in vitro) und klinischer Anwendung (in vivo).

Ein anschauliches Beispiel für diesen Forschungsansatz am MOLIT Institut ist die Kultivierung von Tumorgewebe des oder der Betroffenen im Labor. Weil diese sogenannten Organoide genetisch identisch sind, lassen sich an ihnen im Labor verschiedene Medikamente ausprobieren, deren Wirkstoffe unter anderem auch mithilfe von KI ermittelt wurden. Anschließend zeigt sich dann, ob die am Organoid erprobte individuelle Therapie auch der Patientin oder dem Patienten im Krankenhaus helfen kann.

Vom Labor ans Krankenbett – und ins Gesundheitssystem

„Unser Credo lautet: ‚From bench to bedside‘ – ‚vom Labor ans Krankenbett‘“, sagt Fegeler, „und ‚From bedside to healthcare system‘ – ‚vom Bett ins Gesundheitssystem‘.“ Denn wenngleich sich die medizinische Forschung in rasanter Geschwindigkeit weiterentwickelt, profitieren noch längst nicht alle Menschen davon. „Das Tumorboard VITU erreicht derzeit Kliniken und Arztpraxen in Baden-Württemberg, die rund 20 Prozent der Wohnbevölkerung versorgen“, erzählt Fegeler und hofft, dass VITU zukünftig auch in anderen Regionen genutzt wird. Die eigens gegründete MOLIT Service GmbH sorgt bereits für den Vertrieb der Plattform.

Das Gesundheitssystem indes sei auf die datengetriebene Medizin der Zukunft noch nicht vorbereitet. „Nehmen wir das Beispiel der elektronischen Patientenakte: Die wurde 2015 angekündigt und startete erst 2025 in der Breite“, mahnt Fegeler und vergleicht das Wettrennen in Sachen Digitalisierung mit dem Bau eines Tunnels. „Wissenschaft und Staat kommen von beiden Seiten und müssen sich in der Mitte treffen.“ Auf die Frage, wer gerade näher dran ist an der Mitte, antwortet er: „Zurzeit, glaube ich, die Wissenschaft.“

Das MOLIT Institut für personalisierte Medizin

An der von der Dieter Schwarz Stiftung geförderten Forschungseinrichtung entwickeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen Konzepte für eine anwendungsorientierte personalisierte Medizin und Gesundheitsvorsorge. Der Schwerpunkt liegt auf maßgeschneiderten individuellen Therapien bei Krebserkrankungen und deren rascher Translation in die medizinische Regelversorgung. Gemeinsam mit seinen Kooperationspartnern (Tumorzentrum Heilbronn-Franken der SLK-Kliniken und GECKO Institut für Medizin, Informatik und Ökonomie der Hochschule Heilbronn) führt das MOLIT Institut die vorhandenen Expertisen Medizin und IT zusammen.

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