Alle Kräfte bündeln
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„Wir brauchen weniger Regularien und mehr Orientierung“, sagt die Zukunftsforscherin Florence Gaub. Ein Gespräch über Optimismus als erlernbare Haltung und die Chancen Deutschlands und Europas in Sachen künstlicher Intelligenz.
„Der Mensch ist das Wesen, das die Fähigkeit hat, sich die Zukunft so detailliert vorzustellen, dass er sie erschaffen kann.“ Dieses Zitat stammt von Ihnen. Was genau wollen Sie uns damit sagen?
Florence Gaub: Im Grundsatz gibt es drei Arten, wie Menschen in die Zukunft blicken: ängstlich, risikofreudig – oder gar nicht. Letztere ist vermutlich die am weitesten verbreitete und sicher die problematischste Variante. Viele Menschen denken nur wenige Wochen im Voraus, beschäftigen sich zu wenig mit ihrer Altersvorsorge oder verdrängen langfristige Entwicklungen wie den Klimawandel. Doch wer sich nicht mit der Zukunft beschäftigt, dem widerfährt sie schlicht.
Was ich sagen will, ist, dass die Alternative weder im blinden Wagnis noch in permanenter Vorsicht liegt. Die Planung der Zukunft ähnelt strategisch einem Fußballspiel: Man gewinnt weder nur defensiv noch ausschließlich offensiv. Entscheidend ist eine reflektierte Risikobereitschaft. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive ist das zentral: Neues entsteht nur dort, wo es die Möglichkeiten gibt, angstfrei Risiken einzugehen. Länder, die angstfreier auf das Unbekannte zugehen, sind innovationsstärker und ökonomisch erfolgreicher. Wer Risiken scheut, bremst Entwicklungen, während Offenheit gegenüber neuen Herausforderungen Wachstum ermöglicht – ökonomisch wie individuell.
„Die Zukunft verlangt daher weder Furcht noch Übermut, sondern Aufmerksamkeit, strategisches Denken und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.“
Dr. Florence Gaub
Das ist leichter gesagt als getan, oder?
Gaub: So verkürzt, sicher. Doch Optimismus ist keine angeborene Eigenschaft, sondern eine Haltung. Man kann sie sich aneignen. Wer sich vor allem mit dem beschäftigt, was außerhalb der eigenen Kontrolle liegt, entwickelt Ohnmacht. Wer hingegen darüber nachdenkt, was konkret beeinflussbar ist, wird zwangsläufig optimistischer. Es ist wie ein Muskel, der durch die Nutzung wächst. Mit der Zeit entwickelt sich ein Reflex, nach dem zu suchen, was möglich und gestaltbar ist. Und daraus entsteht Zuversicht.
Betrachten wir das mal aus der Perspektive von Unternehmen: Sie müssen immer schneller und kreativer auf nationale und internationale Entwicklungen reagieren. Wie kann der Staat ihnen dabei helfen?
Gaub: Es ist richtig, dass Regeln und Regularien Sicherheit schaffen. Ich glaube aber, wir haben in Deutschland nicht zu wenig, sondern eher zu viel dieser formalen Sicherheit. Unser Rechtssystem schafft Stabilität. Zugleich erleben Unternehmen in zahlreichen Bereichen aber eine Überregulierung, die insbesondere in diesen Zeiten Innovationen erschwert.
Es fehlt nicht so sehr an Absicherung, sondern an Orientierung. Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass jemand behauptet, genau zu wissen, was als Nächstes geschieht. Sie entsteht durch eine Vision: Wo wollen wir hin, und wie kommen wir dorthin? Eine Vision beschreibt den Zielzustand und den Weg dahin. Das ist auch eine politische Aufgabe.
Dr. Florence Gaub ist eine deutsch-französische Politikwissenschaftlerin, Zukunftsforscherin und Sicherheitsexpertin. Sie beschäftigt sich mit geopolitischen Entwicklungen, strategischer Vorausschau und der Frage, wie Gesellschaften mit Unsicherheit und globalen Veränderungen umgehen. Gaub arbeitete viele Jahre am European Union Institute for Security Studies und ist heute Forschungsdirektorin am NATO Defense College in Rom. Mit Büchern wie „Zukunft: Eine Bedienungsanleitung“ (2023) und „Szenario: Die Zukunft steht auf dem Spiel“ (2025) machte sie Zukunftsforschung einem breiteren Publikum zugänglich.
Können Sie das konkreter umreißen?
Gaub: Der Staat kann die Rahmenbedingungen verbessern. Letztlich tragen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft aber gemeinsam Verantwortung. Es geht darum, die zentralen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte zu identifizieren, langfristige Perspektiven zu entwickeln – und die notwendigen Schritte in die Zukunft klar und konkret zu benennen. Das gibt Menschen mehr Halt als einfache Versprechen. Nicht zu wenig Sicherheit ist unser Problem, sondern zu wenig Kreativität und Innovationsbereitschaft im Umgang mit dem Kommenden.
Was bedeutet das konkret für Unternehmen?
Gaub: Sie tragen hier eine besondere Verantwortung. Sie können in ihren jeweiligen Bereichen ebenjene Visionen entwickeln, allein oder gemeinsam mit anderen Akteurinnen und Akteuren. Welche Probleme werden in den nächsten 20, 30 oder 50 Jahren zu lösen sein? Welche Schritte sind dafür konkret zu gehen?
Künstliche Intelligenz ist das zentrale Schlagwort und die Schlüsseltechnologie der Zukunft. Sind wir als Gesellschaft und als eine der größten Volkswirtschaften der Welt gewappnet für eine erfolgreiche KI-Zukunft?
Gaub: Ich finde die Frage, ob wir „gewappnet“ sind, nicht hilfreich. Sie führt schnell zu einem einfachen Ja oder Nein. Entscheidend ist aus meiner Sicht etwas anderes: Haben wir eine klare Vorstellung davon, welche Bereiche der künstlichen Intelligenz wir in Deutschland noch entwickeln können?
Bei großen generativen Sprachmodellen sind wir im Hintertreffen und werden den Vorsprung amerikanischer Unternehmen kaum aufholen können. Aber auf den Anwendungsfeldern Gesundheit, Industrie oder Bildung gibt es erhebliche Potenziale.
Leider konzentrieren wir uns in Europa noch immer stark auf die Risiken von KI und neigen zu deren Überregulierung. Natürlich gibt es sensible Felder, etwa im militärischen oder polizeilichen Bereich, in denen wir umsichtig handeln müssen. Aber zugleich gibt es enormes Potenzial in anderen Bereichen.
Insofern würde ich sagen: Wir sind nicht unvorbereitet, weil wir nicht könnten, sondern weil wir die Debatte stark von Angst bestimmen lassen. Statt immer neue Sorgen in den Vordergrund zu stellen, bräuchten wir eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten dieser Technologie und eine klare Antwort auf die Frage, in welchen Bereichen wir vorne mitspielen wollen. Wir brauchen diese Vision.
„Für die allermeisten Herausforderungen, die ich heute sehe, haben wir eine Lösung. Wir müssen sie nur umsetzen.“
Dr. Florence Gaub
Was überwiegt bei Ihnen persönlich, wenn Sie in die Zukunft unserer Welt schauen: Resignation oder Zuversicht?
Gaub: Zuversicht. Nicht, weil es keine Probleme gäbe. Sondern, weil das Problem meist nicht darin besteht, dass uns Lösungen fehlen. Für die allermeisten Herausforderungen, die ich heute sehe, haben wir eine Lösung. Wir müssen sie nur umsetzen. Deshalb bin ich zuversichtlich.
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