Können Sie das konkreter umreißen?
Gaub: Der Staat kann die Rahmenbedingungen verbessern. Letztlich tragen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft aber gemeinsam Verantwortung. Es geht darum, die zentralen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte zu identifizieren, langfristige Perspektiven zu entwickeln – und die notwendigen Schritte in die Zukunft klar und konkret zu benennen. Das gibt Menschen mehr Halt als einfache Versprechen. Nicht zu wenig Sicherheit ist unser Problem, sondern zu wenig Kreativität und Innovationsbereitschaft im Umgang mit dem Kommenden.
Was bedeutet das konkret für Unternehmen?
Gaub: Sie tragen hier eine besondere Verantwortung. Sie können in ihren jeweiligen Bereichen ebenjene Visionen entwickeln, allein oder gemeinsam mit anderen Akteurinnen und Akteuren. Welche Probleme werden in den nächsten 20, 30 oder 50 Jahren zu lösen sein? Welche Schritte sind dafür konkret zu gehen?
Künstliche Intelligenz ist das zentrale Schlagwort und die Schlüsseltechnologie der Zukunft. Sind wir als Gesellschaft und als eine der größten Volkswirtschaften der Welt gewappnet für eine erfolgreiche KI-Zukunft?
Gaub: Ich finde die Frage, ob wir „gewappnet“ sind, nicht hilfreich. Sie führt schnell zu einem einfachen Ja oder Nein. Entscheidend ist aus meiner Sicht etwas anderes: Haben wir eine klare Vorstellung davon, welche Bereiche der künstlichen Intelligenz wir in Deutschland noch entwickeln können?
Bei großen generativen Sprachmodellen sind wir im Hintertreffen und werden den Vorsprung amerikanischer Unternehmen kaum aufholen können. Aber auf den Anwendungsfeldern Gesundheit, Industrie oder Bildung gibt es erhebliche Potenziale.
Leider konzentrieren wir uns in Europa noch immer stark auf die Risiken von KI und neigen zu deren Überregulierung. Natürlich gibt es sensible Felder, etwa im militärischen oder polizeilichen Bereich, in denen wir umsichtig handeln müssen. Aber zugleich gibt es enormes Potenzial in anderen Bereichen.
Insofern würde ich sagen: Wir sind nicht unvorbereitet, weil wir nicht könnten, sondern weil wir die Debatte stark von Angst bestimmen lassen. Statt immer neue Sorgen in den Vordergrund zu stellen, bräuchten wir eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten dieser Technologie und eine klare Antwort auf die Frage, in welchen Bereichen wir vorne mitspielen wollen. Wir brauchen diese Vision.