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„Wir bauen die Region zu einem Leuchtturm aus“

Heilbronn wird zu einem international renommierten Innovationsstandort – durch die gezielte Förderung und Verknüpfung der Bereiche Bildung, Forschung und Unternehmertum. Ein Gespräch mit dem Vorstand der Dieter Schwarz Stiftung.

10.03.2026
Kilian Kirchgeßner

H

Herr Professor Friedl, erinnern Sie sich an den Moment, als Sie gefragt wurden, ob die Technische Universität München nicht einen Campus in Heilbronn eröffnen wolle?
Gunther Friedl: Natürlich! Das war im Jahr 2017, und ich war damals Dekan an der TU München.

Wie war Ihre Reaktion? Die TU München ist immerhin eine der weltweit führenden Universitäten, von Heilbronn aber hatte man damals in der akademischen Welt noch nicht allzu viel gehört.
Friedl: Ich war von Anfang an begeistert: Universitäten bekommen immer mal wieder das Angebot, eine Stiftungs­professur ein­zu­richten oder ein bestimmtes Forschungs­projekt zu fördern. Aber einen ganz neuen Campus auf­zu­bauen, wie es die Dieter Schwarz Stiftung vorhatte – das hat von den Dimensionen und vor allem vom Potenzial her alles übertroffen, was ich mir damals vorstellen konnte. Dass mich die Idee begeistert hat, sehen Sie ja übrigens auch daran, dass ich jetzt selbst hier in Heilbronn sitze – als einer der Geschäfts­führer der Dieter Schwarz Stiftung.

Reinhold R. Geilsdörfer: Die kritischen Stimmen kamen interessanter­weise mehr aus Heilbronn: Hier gab es ja schon eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften und einen Standort der Dualen Hochschule Baden-Württemberg – und da gab es durchaus Sorgen, dass damit ein neuer Wettbewerb entsteht. Es ist aber das eingetreten, womit wir von Anfang an gerechnet haben …

… nämlich?
Geilsdörfer: Ganz Heilbronn profitiert davon. In Baden-Württemberg generell sind die Studierenden­zahlen rück­läufig – aber an allen Hochschulen in Heilbronn steigen sie. Wir bauen die Region insgesamt zu einem Leucht­turm aus.

Bärbel Renner: Wir sind ja nicht nur im Bereich von Hochschulen und Forschung tätig, sondern fangen bei der Bildung schon im vorschulischen Bereich an. Diese verschiedenen Bausteine gehören zwingend zusammen. Dahinter steht ein über­geordnetes Ziel: Man braucht Mut, um mit den Heraus­forderungen und den Ungewissheiten einer Welt im Wandel zurecht­zu­kommen. Bildung garantiert Handlungs­fähigkeit. Und wir wollen junge Menschen motivieren und sie dazu befähigen, Zukunft zu gestalten.

Prof. Dr. Gunther Friedl ist im Stiftungsvorstand für die Bereiche Wissenschaft und Finanzen zuständig. Der Wirtschafts­wissenschaftler ist in seiner Forschung auf Controlling spezialisiert und war vor seinem Wechsel in die Dieter Schwarz Stiftung im Jahr 2025 Dekan der TUM School of Management.

Prof. Dr. Gunther Friedl

Wenn wir auf den Bereich der Hightech-Forschung schauen, haben die USA und China einen gewaltigen Vorsprung. Kann Deutschland da überhaupt noch aufholen?
Geilsdörfer: Aber natürlich! Wir haben immer noch große Chancen, gerade im Bereich der Forschung können wir uns inter­national messen. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, auf allen Feldern mithalten zu wollen. Egal, wie viele Milliarden wir zum Beispiel in Large-Language-Modelle im Bereich der KI investieren würden, die großen US-Unternehmen sind uns hier voraus. Um erfolgreich zu sein, müssen wir unsere Mittel cleverer einsetzen.

Welchen Weg sehen Sie dafür?
Geilsdörfer: Wir haben sehr wertvolle Daten in Bereichen wie Produktion, Robotik oder Life-Sciences, in denen Europa traditionell stark ist. Solche Daten­schätze hat niemand sonst – nicht die USA, nicht China. Mit diesen Daten müssen wir arbeiten, um eine hoch spezialisierte KI für genau diese Felder aufzubauen.

Friedl: Und dazu werden wir hier in Heilbronn beitragen. Unser Ziel ist es, Spitzen­kräfte aus aller Welt mit der lokalen Wirtschaft und einem ganzheitlichen Denken zusammen­zu­bringen. Wir wollen unsere vorhandenen Stärken auf diesen Feldern enger vernetzen, um die Wettbewerbs­fähigkeit zu steigern.
Geilsdörfer: Uns war deshalb von Anfang an klar, dass wir nicht in der Breite fördern dürfen, sondern einen Fokus brauchen. Der ist für uns eindeutig die Digitalisierung mit den drei Themen KI, Cyber­sicherheit und jetzt neu auch Quanten. Auf diesen Feldern muss Europa seine Souveränität behalten, deshalb ist es sehr wichtig, dass wir dazu Spitzen­forschung betreiben.

Prof. Reinhold R. Geilsdörfer ist Vorsitzender Geschäfts­führer und seit 2016 Mitglied der Geschäfts­führung der Dieter Schwarz Stiftung. Der Ingenieur trägt die Gesamt­verantwortung für die Stiftung und war bis zu seiner Emeritierung Präsident der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Prof. Reinhold R. Geilsdörfer

Moment, jedes der drei Felder, die Sie nennen, ist ja schon für sich genommen hochkomplex. Überfordert es Sie nicht, bei allen drei Themen mitspielen zu wollen?
Friedl: Die Themen greifen ineinander. Wenn man sich überlegt, wie wichtig die KI für die Wettbewerbs­fähigkeit und für die Entwicklung neuer Geschäfts­modelle ist, dann wird klar, dass sie das zentrale Thema ist. Aber wir müssen natürlich auch die vor- und nach­gelagerten Teile der Wertschöpfungs­kette mitdenken: Für KI brauchen wir große Daten­mengen, die sicher sein müssen. Cybersicher­heit ist deshalb ein zwingender Partner der KI. Und um die Daten­mengen zu verarbeiten, brauchen wir neue Technologien, die schnellere Rechen­leistungen ermöglichen und dabei noch energie­effizient arbeiten. Da landet man also schnell bei Quanten­technologien – und stellt fest: Es ist ein ineinander­greifendes System, das nur im Zusammen­spiel gut funktioniert.

Das Portfolio Ihrer Stiftung reicht von der frühkindlichen Bildung über die Förderung von Start-ups bis zur Spitzen­forschung. Ist bei diesem breiten Zuschnitt eine Arbeit aus einem Guss möglich?
Renner: Wir untergliedern unsere Aufgaben in die drei großen Bereiche Bildung, Forschung und Unternehmertum – und zeichnen damit eine Bildungs­kette nach, die das gesamte lebens­lange Lernen umfasst. Also ein ganz klares Ja: Wir sehen unsere Stiftungs­arbeit im Rahmen eines ganzheitlichen Konzeptes. Die drei Bereiche befruchten sich gegenseitig.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Renner: Denken Sie nur an unsere experimenta, das größte Science Center in Deutschland: Dort gibt es unter anderem eine Ausstellung und Laborkurse zum Thema KI. Und wir bauen parallel ein Kompetenz­zentrum auf, das sich auf KI-Bildung und Digitalisierung in Schulen konzentriert und Antworten auf die entscheidenden Fragen sucht. Wie vermitteln wir in den Schulen das nötige Wissen zur KI, und wie machen wir KI für den Unterricht nutzbar – daten­schutz­konform, ethisch verantwortungs­voll und didaktisch sinnvoll? Unsere Expertinnen und Experten aus der KI-Forschung arbeiten dafür mit pädagogischen Fachkräften und Ausstellungs­profis zusammen. Das schafft Synergien in alle Richtungen. Dass hier in Heilbronn so viele Spezialistinnen und Spezialisten auf engstem Raum zusammenarbeiten, ist die Voraussetzung für eine besondere Innovationskraft. Von den Ergebnissen dieser Zusammen­arbeit profitieren auch Schulen weit über unsere Region hinaus, weil wir die Ergebnisse natürlich teilen. Davon erhoffen wir uns eine starke Strahlkraft, auch das ist ja ein Anliegen unserer Stiftung.

Friedl: Das ist exakt das gleiche Prinzip, das wir auch im Bereich der Forschung verfolgen. Wir sprechen gern von einem Ökosystem, in dem alle Einrichtungen und Institutionen zusammen­wirken. Wir haben hier einen Campus der TU München, einen Campus der ETH Zürich, wir haben neun Fraunhofer-Zentren aus acht Instituten hier, die Max-Planck-Gesellschaft ist vertreten – um nur einige zu nennen. Dazu haben wir Stiftungs­professuren an zahl­reichen Spitzen­universitäten in aller Welt eingerichtet. Für uns ist klar: Erst durch die Verbindung von derart vielfältigem Know-how können die großen Innovationen entstehen.

Prof. Dr. Bärbel G. Renner ist im Stiftungsvorstand für Bildung und Kommunikation verantwortlich. Die Geisteswissenschaftlerin lehrte nach vielen Jahren im Medienbereich an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und war seit 2022 Geschäftsführerin der experimenta, bis sie im Jahr 2025 in die Geschäftsführung der Dieter Schwarz Stiftung wechselte.

Prof. Dr. Bärbel G. Renner

Die Institutionen, die Sie nennen, haben in Heilbronn Standorte, sind aber unabhängig von Ihrer Stiftung. Was genau ist dabei Ihre Rolle?
Friedl: Wir wollen genau dieses Ökosystem schaffen und die richtigen Akteurinnen und Akteure zusammen­bringen. Erstens identifizieren wir deshalb, welche Bestandteile wir dafür brauchen. Zweitens statten wir diese Einrichtungen bei uns mit guten Bedingungen aus – und dazu zählen nicht nur Gebäude, sondern auch die IT-Infrastruktur, also zum Beispiel Daten­zentren und Labore für Chipdesign. Und dann geht es drittens um die Skalierungs­fähigkeit: Wie kommen wir von guten Ideen zu tragfähigen Geschäfts­modellen?

Auch die öffentliche Hand investiert viel Geld in die Forschung. Wofür braucht es da eine private Stiftung?
Geilsdörfer: Wir haben den großen Vorteil, dass wir nicht mit der Gießkanne arbeiten müssen. Wir können uns auf wenige Felder konzentrieren, die wir für besonders wichtig halten – und wir müssen nicht alle Bundes­länder gleichmäßig bedienen. So leicht hat es die Politik nicht.

Friedl: Mich erinnert das manchmal an eine Dirigentin oder einen Dirigenten: Wir können ein Orchester aufbauen aus Instrumenten, die sonst vermutlich nicht zueinanderfinden würden.

Welcher Spirit herrscht bei Ihnen in der Stiftung?
Renner: Wir haben eine sehr unternehmerische Herangehensweise: Wir sind Macherinnen und Macher. Wenn wir etwas als richtig erkannt haben, dann setzen wir das auch um – in der Regel mit hoher Geschwindigkeit. Uns verbindet der Wille, etwas zu gestalten.

Friedl, Renner und Geilsdörfer greifen auch mal selbst zur Schaufel: Hier beim Spatenstich für den Bildungscampus West.
Friedl, Renner und Geilsdörfer greifen auch mal selbst zur Schaufel: Hier beim Spatenstich für den Bildungscampus West.

Warum tun Sie das ausgerechnet in Heilbronn? Es wäre doch einfacher gewesen, eine bestehende Spitzen­universität zu unterstützen und auszubauen, oder?
Geilsdörfer: Erstens stammt unser Stifter hier aus Heilbronn und möchte seiner Stadt etwas zurück­geben. Deshalb war diese regionale Komponente, dieser Lokal­patriotismus, von Anfang an ein Merkmal unserer Stiftung. Aber zweitens ist uns völlig klar: Wenn wir hier in der Region erfolg­reich sein möchten, müssen wir unsere Hände weit darüber hinaus ausstrecken. Wir brauchen internationale Strukturen, wie wir sie ja mit den Stiftungs­professuren und vielen anderen Maßnahmen aufbauen. Um auf Ihre Frage zu antworten: Genau das hätten wir auch an jedem beliebigen anderen Standort machen können – egal, wie groß und renommiert die bereits vorhandenen Einrichtungen dort sind. Wir sind also hier in der Region verwurzelt und stärken sie, indem wir uns international vernetzen.

Renner: Uns gelingt es, viele internationale Studierende für Heilbronn zu gewinnen, die hier fantastische Studien­angebote finden. Und natürlich haben wir ein Interesse daran, dass sie nach ihrem Abschluss auch in der Region bleiben. Dass sie sehen, wie wirtschafts­stark wir hier sind, welche Möglichkeiten sich hier bieten. Auch die Verbindung aller unserer Aktivitäten mit der Region und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern ist für uns von großer Bedeutung. Wir versuchen, alle mitzunehmen.

Geilsdörfer: Unter dieser Prämisse ist unsere Stiftung ja auch gegründet worden. Die Überlegung war damals, wie wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern können. Die Antwort lautet: Bildung. Die nächste Frage war, was erforderlich ist für eine positive Entwicklung der Gesellschaft. Hier lautet die Antwort: eine prosperierende Wirtschaft. Auch dafür ist Bildung ein Schlüssel. Alle unsere Projekte haben als gemeinsamen Nenner: Sie sichern Zusammenhalt, Wettbewerbs­fähigkeit und Wohlstand.

Die Aufgabe ist heute ja nicht gerade einfacher geworden in den Zeiten von so grundlegenden Umstürzen, oder?
Renner: Nein, aber umso wichtiger ist es doch, dass es Einrichtungen und Menschen gibt, die mutig Neues wagen. Ich bin vor zehn Jahren nach Heilbronn gekommen, um die experimenta mitaufzubauen. Damals war es mir wichtig, dass wir junge Leute durch diese besondere Wissens­vermittlung eines Science Centers für Naturwissenschaften begeistern. Dass wir ihnen Mut machen und sie für Zeiten des Wandels befähigen. Dies ist ein Kernanliegen unserer Stiftung. Dafür brauchen wir innovative Bildungs­konzepte und neue Formate, um Kompetenzen für die Welt von morgen zu vermitteln. Das ist meine Vision für die Stiftung.

Bleiben wir bei der Vision: Was ist Ihre Vision, Herr Professor Friedl?
Friedl: Wir werden schon bald ein florierendes Innovations­ökosystem in Heilbronn haben mit einer beeindruckenden Zahl von Unternehmen, die sich an unserem IPAI befinden. Diese Unternehmen, die Start-ups und die Wissenschafts­einrichtungen arbeiten an den Zukunfts­themen, und wir senden von Heilbronn ein Signal aus: In Deutschland und in Europa sind wir mit unseren guten Ideen wettbewerbs­fähig.

Herr Professor Geilsdörfer, in der Stiftung ist schon sehr viel in Bewegung geraten. Kann da noch so viel mehr kommen?
Geilsdörfer: Oh ja! Wir stehen erst am Anfang einer großen Reise. Die Dynamik der vergangenen Jahre wollen wir unbedingt beibehalten. Bei alledem habe ich vor allem einen Wunsch: dass es in Deutschland Hunderte solcher Initiativen gibt, wie wir sie hier starten. Das ist es, was unser Land in die Zukunft bringt.

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