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„Eine Perspektive für das eigene Leben finden“

Gegen das Gefühl von Ohnmacht: Jan Ilhan Kizilhan erklärt, wie unterschiedlich Kulturen mit traumatischen Erfahrungen umgehen – und wie verschiedene Wege zum selben Ziel führen.

13.02.2026
Michael Prellberg

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Tagtäglich werden Menschen in Kriegen vertrieben, verletzt und gefoltert. Wer das überlebt, ist häufig traumatisiert. Mit welchen Folgen – und wo kann eine Therapie ansetzen?
Jan Ilhan Kizilhan: Wer sich immer wieder mit der Frage „Warum ist das ausgerechnet mir passiert?“ plagt, kann irgendwann in eine Depression oder Suizidgedanken abrutschen. Andere häufige Symptome sind Angst- und Schlafstörungen. Das Trauma bleibt, ein Leben lang. Aber die moderne Psychotherapie kann Techniken vermitteln, um mit den Symptomen umzugehen. Unser Ziel besteht darin, dass diese den Menschen nicht mehr kontrollieren. Er lernt, die Symptome zu verstehen, sie einzuordnen und damit umzugehen – auch mit den Gefühlen der Ohnmacht, der Demütigung, der Kränkung. All das wird ein Teil des Lebens bleiben, aber es wird nicht mehr das ganze Leben bestimmen.

Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan ist seit 2016 Dekan des Instituts für Psycho­therapie und Psycho­traumatologie an der Universität Duhok im kurdischen Teil des Irak. Seit 2018 leitet er zudem das Institut für Trans­kulturelle Gesundheits­forschung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW).

Kizilhan hat zusammen mit dem Center for Advanced Studies der DHBW den Master­studien­gang Trans­kulturelle Trauma­pädagogik, gefördert von der Dieter Schwarz Stiftung, entwickelt. Einzelne Module des Studien­gangs können auch über das Zertifikats­programm belegt werden.

Jan Ilhan Kizilhan

Macht es einen Unterschied, ob jemand den Krieg in Afghanistan, in Syrien, im Sudan oder in der Ukraine erlebt?
Kizilhan: Da ist Kultursensibilität gefragt, und zwar schon, bevor die Therapie beginnt. Als Therapeutinnen und Therapeuten entwickeln wir ein Know-how, wie Menschen ihre Erkrankungen darstellen. Eine Bundeswehrsoldatin, die aus Afghanistan zurückkehrt, würde vielleicht selbst das Wort „Trauma“ benutzen. Ein kurdischer Kämpfer hingegen würde von körperlichen und nicht von psychischen Schmerzen erzählen. Das muss ich verstehen, um überhaupt zur richtigen Diagnose zu kommen. Wer die Kultur der Betroffenen nicht kennt, kann leicht etwas missverstehen.

Können Sie ein Beispiel für mögliche kulturelle Missverständnisse geben?
Kizilhan: Jemand aus dem türkischen Sprachraum sagt, er oder sie höre Geräusche. Wer jetzt als deutsche Therapeutin oder deutscher Therapeut an eine mögliche Schizophrenie denkt, weil da jemand „Stimmen hört“, denkt eben nicht an Tinnitus. Was in diesem Fall aber gemeint war. Noch ein Beispiel: Wenn jemand aus dem Mittleren Osten über „Leberbrennen“ klagt, geht es ihr oder ihm emotional nicht gut. Wer das nicht weiß und nicht weiter fragt, stellt möglicherweise eine falsche Diagnose.

Das Flüchtlingscamp MamRahsan in der irakischen Provinz Duhok: ein Ort, an dem viele Menschen mit Traumata zusammenleben.
Das Flüchtlingscamp MamRahsan in der irakischen Provinz Duhok: ein Ort, an dem viele Menschen mit Traumata zusammenleben.

Welchen Unterschied macht es, ob ich einen Krieg als Akteurin oder Akteur oder als Opfer erlebe?
Kizilhan: Soldatinnen und Soldaten, etwa in Deutschland, haben ein gewisses Gefühl der Kontrolle: Sie treffen ja die bewusste Entscheidung, in den Krieg zu ziehen. Trotzdem habe ich einige Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten behandelt, die glaubten, versagt zu haben, weil in Afghanistan eine Kameradin oder ein Kamerad von ihnen getötet wurde und sie selbst überlebten. Diese Bilder kamen bei ihnen immer wieder hoch. Diese Menschen wussten, dass sie traumatisiert waren – das macht es viel einfacher, Lösungsansätze zu finden.

Und wenn es in meiner Kultur kein Wort für „Trauma“ gibt?
Kizilhan: In traditionellen Gesellschaften reagieren Menschen oft erst einmal körperlich und können sich nicht erklären, woher diese Rücken-, Kopf-, Bauch- oder Magenschmerzen kommen. Wenn wir mit der Person über ihr Erlebtes sprechen, stoßen wir unweigerlich auf belastende Ereignisse. Das kann Krieg sein, das kann die Flucht sein, es können Verluste sein. Solche Menschen nehmen häufig Medikamente, über Jahre, ohne dass es ihnen hilft. Das nehme ich zum Anlass, zu fragen, ob der Körper mit den Schmerzen vielleicht etwas sagen will. Und ob wir gemeinsam mögliche Ursachen erkunden wollen. Die körperlichen Beschwerden gehen zurück, das zeigt die Erfahrung, sobald wir den ursächlichen Konflikt gefunden haben.

Annalena Baerbock, damalige Bundesaußenministerin, und Jan Ilhan Kizilhan bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande im Jahr 2024.
Annalena Baerbock, damalige Bundesaußenministerin, und Jan Ilhan Kizilhan bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande im Jahr 2024.

Wie häufig sind diese „ursächlichen Konflikte“ kulturell tabuisiert?
Kizilhan: Das ist besonders bei sexualisierter Gewalt der Fall, bei Frauen wie bei Männern. Da müssen wir erst Vertrauen aufbauen, was lange dauern kann. Aber es ist möglich.

Erleben Frauen und Männer traumatische Erfahrungen unterschiedlich?
Kizilhan: Das hängt eher von der Erfahrung selbst ab. Grundsätzlich reagieren Männer häufiger mit Wut und Aggression. Bei Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, erleben wir oft den Übergebrauch von Medikamenten oder dissoziative Störungen. Sie reagieren in solchen Gesprächen mitunter so, als würden sie noch einmal vergewaltigt. Was Frauen und Männer gleichermaßen zeigen: das Gefühl von Ohnmacht, Scham und häufig Schuld.

Jan Ilhan Kizilhan (4.v.l.) mit Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die den von der Dieter Schwarz Stiftung geförderten Masterstudiengang „Transkulturelle Traumapädagogik“ absolviert haben.
Jan Ilhan Kizilhan (4.v.l.) mit Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die den von der Dieter Schwarz Stiftung geförderten Masterstudiengang „Transkulturelle Traumapädagogik“ absolviert haben.

Wie vermeiden Sie eine Retraumatisierung?
Kizilhan: Bevor wir uns mit dem Trauma beschäftigen, muss die Patientin oder der Patient emotional so stabil sein, dass die Konfrontation mit dem eigentlichen Konflikt überhaupt erst möglich ist. Das gilt für Menschen aller Kulturen. Bei einigen Kulturen findet diese Konfrontation indirekt statt. Diese Menschen kann ich beispielsweise bitten, ihre Geschichte so zu erzählen, als habe eine andere Person sie erlebt. Damit wird die „Ich“-Form vermieden.

Ist am Ende einer solchen Therapie eine Heilung möglich?
Kizilhan: Heilung ist kein Begriff, den ich benutzen würde. Wir arbeiten darauf hin, dass traumatisierte Menschen mit den Symptomen ihres Traumas zurechtkommen und nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft schauen: weil es morgen besser sein wird, weil sie auch morgen sicher sein werden. Sie müssen eine Perspektive für das eigene Leben finden.

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