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Auf Augenhöhe

Ob Besucherbetreuer oder helfende Hand bei Laborkursen für Schüler: Steffen ist in der experimenta ein gefragter Ansprechpartner – offen, herzlich und mit einem besonderen Gespür für Menschen.

06.07.2026
Alexandra Wolters

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Schwarzes oder rotes Polohemd, dazu eine passende schwarze Jacke mit Reißverschluss, beides mit dem Logo der experimenta – daran erkennen Besucher die Mitarbeiter des Science Centers in Heilbronn. Und können ihnen Fragen stellen: „Wo finde ich die große Wasserwelt? Was muss ich an dieser Station genau machen?“ Dann hilft das Team vom Besucherservice gerne weiter.

Dazu gehört auch Steffen, der seit Januar bei der experimenta arbeitet und das Downsyndrom hat. Die Behinderung erkennen Erwachsene wie Kinder meist sofort, sie rückt aber ebenso schnell in den Hintergrund. Denn bei der Arbeit in der experimenta zeigt Steffen seine Stärke: Er kann unheimlich gut mit Menschen umgehen. „Ich rede gerne mit den Leuten, frage sie, was ihnen besonders gut gefällt oder ob sie Hilfe brauchen“, erklärt der 39-Jährige einen Teil seines Jobs.

Für die Besucherbefragungen geht er mit aufmerksamem Blick durch die fünf Etagen des Science Centers, bleibt dort stehen, wo sich eine kleine Warteschlange bildet oder wo er auf fragende Gesichter stößt. „Kann ich das Bild auch irgendwo ausdrucken?“, möchte ein Junge von ihm wissen, der soeben an einem Computer eigene Fotos bearbeitet hat. Steffen streicht sich kurz nachdenklich über die rotblonden Haare und zeigt dem Fünftklässler dann den Weg zum Drucker.

„Gerade von Kindern wird er oft angesprochen“, erzählen gleich mehrere Kollegen. Mit seinem neugierigen Blick wirke Steffen einfach sehr nahbar und zugänglich. Auch mit den Mitarbeitern ist er gerne im Austausch: „Ist heute viel los?“, fragt er fast jeden Morgen an der Kasse. Und wenn noch genügend Zeit ist, möchte er wissen, wie das Wochenende war oder ob man das Spiel des VfB Stuttgart gesehen hat.

Über Steffen

Steffen arbeitet seit Januar bei der experimenta in Heilbronn und hat das Downsyndrom. Der 39-Jährige führt in der Ausstellung Befragungen durch und unterstützt die Leitung von verschiedenen Laborkursen. Er lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft und wird von seiner Familie unterstützt.

Ein Portraitbild von Steffen

Vom Praktikum zum Wunschjob

Vor seiner Zeit bei der experimenta hat Steffen 20 Jahre in der Schreinerei der Lebenswerkstatt gearbeitet, einer Einrichtung der Behindertenhilfe Heilbronn. „Dort habe ich zum Beispiel Weinkisten gezimmert und Adventskalender aus Holz gebaut“, berichtet Steffen. Das habe ihm auch viel Spaß gemacht, aber irgendwann wollte er etwas Neues ausprobieren. Ein Praktikum bei der experimenta war seine Chance, in einem ausgelagerten Einzelarbeitsplatz Neues kennenzulernen.

Dabei ist das eigene Tempo für Steffen wichtig. Genauso wie lieb gewonnene Routinen, bei der Arbeit und im Alltag. Steffen lebt in Heilbronn in einer betreuten Wohngemeinschaft, in der er Unterstützung bekommt, zum Beispiel beim Wäschewaschen, Putzen, Einkaufen und Kochen. „Ja, der Haushalt macht Arbeit“, stöhnt Steffen. Das Aufstehen am Morgen hingegen fällt ihm leicht. Er freue sich immer auf die Arbeit, zu der er jeden Morgen mit dem Bus fährt. Zurück geht er nach Feierabend am Nachmittag zu Fuß. „Bewegung tut mir gut“, sagt Steffen und zeigt dabei grinsend seine Oberarmmuskeln. Dreimal die Woche trainiert er im Fitnessstudio Ausdauer und Kraft.

Ein Mann hilft einem Schüler in einem Kurs.
„Der Steffen ist ein Holz-Profi“, sagt der achtjährige Noel, der mit seiner Klasse am Kurs „Schrauben, Sägen, Hämmern? Kinderleicht!“ in der experimenta teilnimmt. Steffen unterstützt den Kursleiter, indem er den Kindern mit Rat und Tat zur Seite steht.
Eine Lehrerin und ihre Schüler*innen in einem Kursraum.
Lehrerin Heike Schmidt hat den Kindern vorab von Steffen und dem Downsyndrom berichtet. Für Kinder sei es oft einfacher, jemanden anzusprechen, der so offen und herzlich sein Interesse an ihnen zeige wie Steffen, so Schmidt.
Ein Grundriss eines Gebäudes liegt auf einem Tisch.
Die experimenta ist für alle Menschen offen und schafft daher Angebote für Menschen mit Beeinträchtigungen. Dazu gehören unter anderem Informationen in Brailleschrift und taktile Leitsysteme – aber auch Kurse für spezifische Zielgruppen.

Begehrter Ratgeber

Deshalb fällt es Steffen nicht schwer, vollen Einsatz bei den verschiedenen Laborkursen zu zeigen, die er im Altbau der experimenta, dem ehemaligen Hagenbucher Speicher, begleitet. Heute sind hier 30 Kinder aus der Grundschule Neudenau zu Gast. In dem Kurs „Schrauben, Sägen, Hämmern? Kinderleicht!“ lernen sie den richtigen Umgang mit Werkzeugen und Holz. Nach einer kurzen Einführung geht es los. Die Kinder zeichnen zuerst ihre Baupläne: Autos, Boote, Roboter und jede Menge Flugzeuge werden zu Papier gebracht. „Alles ist erlaubt, nur keine Waffen“, erklärt Steffen. „Und das Bauwerk muss am Ende in euren Rucksack passen.“

Langsam geht Steffen durch die Reihen zwischen den Werkbänken. Weit kommt er nicht. Hier zupft ein Mädchen an seinem schwarzen Shirt, dort reckt ein Junge ihm eine Zeichnung entgegen. „Kann ich das so bauen? Welches Holzstück soll ich nehmen?“ Bei jeder Frage bleibt Steffen stehen, beugt sich hinunter und erläutert den Kindern auf Augenhöhe, ob geschraubt oder geleimt werden soll und wo sie das passende Material finden.

Engagement und Angebote für alle

Die experimenta möchte für alle Menschen offen sein und gemeinschaftliche Erlebnisse fördern. Dazu gehört es auch, Angebote für Menschen mit Beeinträchtigungen zu schaffen. Im Eingangsbereich steht ein Tastmodell der experimenta-Gebäude mit Brailleschrift. Damit können sehbeeinträchtigte Personen zum Beispiel erfühlen, wie sich die fünf Etagen des Neubaus nach oben winden. „Das ist wichtig, damit klar wird, dass sich die Rolltreppen bei uns auf jedem Stock an einer anderen Stelle befinden“, erklärt Yvonne Bierbaum, die Inklusionskoordinatorin der experimenta. Tastpläne, taktile Leitsysteme und Elemente sowie Audiodateien erleichtern nicht nur Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung die Orientierung und vermitteln wichtige Informationen.

Die experimenta bietet außerdem besondere Formate für Menschen aus dem Autismusspektrum an: An den „Entdeckertagen“ öffnet die Ausstellung exklusiv für angemeldete Gruppen, jeweils mit unterschiedlichem Förderbedarf. An den regelmäßig stattfindenden Terminen können die Gruppen die Ausstellung in einem geschützten Rahmen besuchen und sich viel Zeit für die Mitmachstationen nehmen, die je nach Bedarf angepasst werden.

Die „Stille Stunde“ richtet sich an Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen mehr Ruhe und weniger Reize brauchen. Dafür werden laute Mitmachelemente abgeschaltet, es gibt Rückzugsorte und eine begrenzte Anzahl an Besuchern.

Das Inklusionsteam der experimenta beobachtet permanent, wo sich in der Ausstellung etwas verbessern lässt. So wurde zuletzt eine „Armverlängerung“ gebaut, mit der Menschen im Rollstuhl oder kleinwüchsige Personen Bildschirme und großflächige Mitmachelemente bedienen können. „Inklusion beschränkt sich bei uns nicht nur auf den Besuch der experimenta“, erklärt Yvonne Bierbaum. „Mit Steffen haben wir ein gutes Beispiel, dass bei uns auch Menschen mit Beeinträchtigung gut in unsere Arbeitsteams integriert werden – und wir von ihnen lernen können.“

Eigene Entscheidungen, die stolz machen

Noel hüpft vor Begeisterung auf und ab, als sein Flugzeug im letzten Arbeitsschritt in der Leimzwinge steckt. „Der Steffen ist ein Holz-Profi. Der hat mir geholfen, das Sägeblatt ganz gerade zu halten und die Presse so richtig festzuspannen“, berichtet der Achtjährige. Seine Lehrerin Heike Schmidt hat der Klasse vorab etwas über das Downsyndrom erzählt. „Sie waren neugierig auf Steffen, sehen in ihm hier im Workshop aber vor allem den Experten, den sie um Rat bitten können“, beschreibt sie die Situation. Für Kinder sei es oft einfacher, jemanden anzusprechen, der so offen und herzlich sein Interesse an ihnen zeige wie Steffen. Und der auch nicht jeden Satz immer perfekt bildet – so wie es bei manchem Kind sein kann oder bei denjenigen, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist.

Geduldig hört Steffen sich alle Fragen an und hilft, wo er kann. Dabei sollen alle auch ihre eigenen Erfahrungen sammeln können. So gibt er zum Beispiel keinen Tipp, was die Kinder genau bauen sollen. „Das könnt ihr ganz allein entscheiden.“ Das ist ihm wichtig. Denn er ist selbst unheimlich stolz, dass er viele Dinge eigenständig entscheiden kann. „Für meinen Job hier bei der experimenta habe ich mich auch selbst entschieden. Und das war gut so. Denn die brauchen mich hier“, sagt Steffen und räumt vor seinem Feierabend noch ein paar Schraubendreher und Feilen wieder an den richtigen Platz.

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