Ein Plan für die Zukunft
Heilbronn wandelt sich rasend schnell von einer Industriestadt hin zu einem Ort, der ganz auf Bildung, Forschung und Innovationskraft setzt.
Es heißt, wer die Zukunft gestalten will, braucht eine Vision. Eine, die neue Ideen mit Mut und Risiko vereint. In Heilbronn wissen sie, dass zu einer Vision auch ein handfester Plan gehört. Einer mit einer Timeline und mit genau definierten Zielen. Und so einer liegt vor Reinhold Geilsdörfer auf dem Konferenztisch seines Büros. Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Dieter Schwarz Stiftung faltet den Plan auseinander, bis eine Stadt im Aufbruch sichtbar wird. Im Zentrum: der in Erweiterung befindliche Bildungscampus, das angrenzende Science Center experimenta und der entstehende KI-Innovationspark IPAI.
Reinhold Geilsdörfer beginnt zu erzählen, wie die Stiftung durch die Förderung verschiedener Einrichtungen darauf setze, den Menschen Angebote entlang ihrer Bildungsbiografien zu machen. Stichwort: lebenslanges Lernen. Da es gar nicht früh genug losgehen kann, schicke das Haus der Familie Baby-Botschafterinnen zu jungen Eltern, um sie zu informieren und zu beraten. Die Akademie für Innovative Bildung und Management (aim) engagiere sich unter anderem in der Sprachförderung von Kindern in Kindergärten und Schulen. Und die experimenta sei als Wissens- und Erlebniswelt konzipiert worden. Das 2019 in einem spektakulären Neubau auf der Kraneninsel eröffnete Science Center will Naturwissenschaft und Technik für Menschen zwischen drei und 103 Jahren begreifbar und erlebbar machen.
Der Bildungscampus – ein Zukunftsort
Besonders begeistert ist Reinhold Geilsdörfer von der Programmierschule 42 Heilbronn, die seit 2021 auf dem Bildungscampus ansässig ist. Das Konzept der Schule stammt aus Frankreich und setzt anders als viele andere Hochschulen auf projektbasiertes Peer-Learning. Die Studierenden arbeiten selbstständig an ihren Codes. Neben dem Fokus auf dem Programmieren stehen kritisches Denken, lösungsorientiertes Arbeiten und Teamfähigkeit im Mittelpunkt des Studiums. 42 Heilbronn passe zur Überzeugung der Stiftung, für Bildung neue Räume zu öffnen, sagt Reinhold Geilsdörfer.
Das Credo der Dieter Schwarz Stiftung – gemeinsam Zukunft wagen – basiert auf den drei Bausteinen Bildung und Familie, Forschung und Wissenschaft sowie Unternehmen und Innovationen. Sie werden als gleichberechtigte und miteinander verknüpfte Elemente gesehen. Deshalb ist eine weitere Etappe auf seinem Plan, auf die Geilsdörfer nun zu sprechen kommt, der Bereich der Forschungseinrichtungen und Universitäten. Er nennt die Fraunhofer Forschungs- und Innovationszentren oder die Max-Planck-Institute, die von der Stiftung gefördert werden. Vor allem aber die Universitäten und Hochschulen hätten die Bildungslandschaft Heilbronns auf ein völlig neues Niveau gehoben. Dazu zählen die Hochschule Heilbronn, die größte Einrichtung für angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg, sowie die DHBW Heilbronn, das DHBW CAS und die TU München, die mit ihrem Campus auf dem Heilbronner Bildungscampus vertreten sind.
Der TU München hat die Stiftung 41 Professuren gestiftet, von denen 32 in Heilbronn ihren Sitz haben. Im Jahr 2023 wurde ein ähnliches Modell mit der ETH Zürich vereinbart. Sie erhält mehr als 20 Stiftungsprofessuren, 15 davon in Heilbronn. „In internationalen Rankings steht die TUM auf Platz 22 und die ETH unter den ersten zehn Plätzen der Welt. Beide Universitäten haben Exzellenzstatus“, sagt Reinhold Geilsdörfer mit einem stolzen Lächeln. „Zusätzlich haben wir ein weltweites Netzwerk aufgebaut. Es gibt Stiftungsprofessuren in Paris, Oxford, Waterloo, Stanford, Jerusalem und in Singapur. Wir profitieren vom Austausch zwischen den Universitäten und unserem Bildungscampus. Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden sowie Professorinnen und Professoren kommen für mehrere Monate oder einige Jahren nach Heilbronn.“
Für die Familien der Forschenden und Mitarbeitenden aus aller Welt hat die Stiftung eine neue Schule gebaut. An der Josef-Schwarz-Schule, benannt nach dem Vater des Stifters, werden derzeit 1.100 Schülerinnen und Schüler in Heilbronn bilingual unterrichtet. „Nur so bekommen wir internationale Topleute“, sagt Reinhold Geilsdörfer. „Und nur mit solchen Expertinnen und Experten können wir die künstliche Intelligenz als Technologie der Zukunft wettbewerbsfähig mitgestalten.“
Zukunftsort für junge Unternehmen
In Baden-Württemberg gibt es bereits Hunderte von Instituten rund um Supercomputing, Quanten- und Biotechnologie, Health and Life Science. Der Südwesten gilt auch als Zentrum der deutschen KI-Forschung mit Clustern aus Forschungseinrichtungen und Universitäten. „Wir werden die künstliche Intelligenz in die Wirtschaft bringen“, sagt Reinhold Geilsdörfer.
Das soll nicht nur in etablierten Unternehmen geschehen, sondern auch in jungen neuen Unternehmen. Deshalb stellen die Campus Founders eine weitere Etappe auf seinem Plan dar. Der Start-up- und Co-Innovation-Hub möchte junge Leute zu Gründerinnen und Gründern machen. Sein Leiter Oliver Hanisch hat viele Jahre im Silicon Valley gearbeitet. Er sei 2020 nach Deutschland zurückgekommen, weil er gespürt habe, dass es die Stiftung ernst meint mit der Idee, ein Ökosystem für Start-ups aufzubauen.
Die Räume des im Dezember 2025 eröffneten Gebäudes GRAVITY der Campus Founders auf dem Bildungscampus sind im typischen Start-up-Design eingerichtet: topmodern, mit individuell nutzbaren Flächen. In diesem Umfeld empfangen Oliver Hanisch und sein Team Unternehmerinnen und Unternehmer, Studierende, Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Forschende. Im Programm AI Founders können junge Menschen eine Weile im Rosenbergquartier leben, eine Art Wohngemeinschaft für Start-up-Gründerinnen und -Gründer, die sich in Heilbronn einbringen wollen. Sie spielen für den Wissenstransfer zwischen Forschung und Wirtschaft eine wichtige Rolle.
Transfer sei überhaupt ein wichtiges Wort in Heilbronn, findet Oliver Hanisch. Man spüre eine besondere Durchlässigkeit für Neues. „Die Stadt hat den Mut, Ideen umzusetzen.“ Die Menschen entwickelten ein eigenes Mindset, eine Art, zu denken und zu handeln, in der die Zukunft etwas Positives sei. „Dafür einen Plan zu machen, das ist schon eine ziemlich tolle Sache.“
IPAI: Aufbruch in die KI-Hochburg Heilbronn
Die Dieter Schwarz Stiftung hat in den vergangenen 15 Jahren das 130.000 Einwohnende zählende Heilbronn zu einem bedeutenden Bildungs- und Wissenschaftsstandort entwickelt. Jedes Jahr wächst der Bildungscampus mitten in der Stadt um moderne Gebäude und Areale. Der Plan auf Reinhold Geilsdörfers Tisch bekommt zuverlässig immer neue Seiten hinzu. Darauf sind auch Etappen und Projekte eingezeichnet, die noch in der Zukunft liegen – wie der Innovation Park Artificial Intelligence, kurz IPAI.
Wenn Reinhold Geilsdörfer von seinem Konferenztisch aufsteht, kann er durch die Fenster nicht nur die Weinberge am Rand der Stadt sehen, sondern auch den Steinäcker. Dort entsteht nach dem Spatenstich im Herbst 2025 durch Bundeskanzler Friedrich Merz der IPAI, für den Moritz Gräter verantwortlich ist. „Es wird ein besonderer Ort, an dem sich Forschende und Unternehmen austauschen sollen“, sagt der IPAI-Geschäftsführer. Forschungsinstitute werden Labore erhalten, mittelständische Unternehmen und Weltmarktführer, aber auch das deutsche KI-Unternehmen Aleph Alpha sollen in neue Gebäude einziehen.
Ein Modell des IPAI steht in Moritz Gräters Büro. Daneben an einen langen Holztisch setzt er sich zum Gespräch. Wenn Gräter in Schwung kommt, ist von schwäbischer Zurückhaltung nicht mehr viel zu spüren. Er will aus dem IPAI ein europaweit einzigartiges Ökosystem für KI-Innovationen machen: Unternehmen, Start-ups, aber auch Vertreterinnen und Vertreter der öffentlichen Verwaltung sollen zusammen mit Forschenden neue KI-Anwendungen entwickeln.
Neben dem Fokus auf dem Mittelstand, der die Region um Stuttgart und Heilbronn stark prägt, sind international agierende Topunternehmen wie Mercedes-Benz, Porsche oder Würth bereits Partner des IPAI. Das Netzwerk besteht inzwischen aus mehr als 100 Partnern und Membern. „Um industriespezifische Sprachmodelle trainieren zu können, brauchen Entwicklerinnen und Entwickler Daten. Die können unsere Partnerunternehmen bereitstellen. Sie profitierten dann vom fertigen Modell, das für Einkauf, Produktion oder Vertrieb angepasst werden kann“, erklärt Gräter.
Dynamik, kurze Wege und schnelle Entscheidungen – und eben ein Plan. Das Besondere in Heilbronn sei der weite Blick, sagt Reinhold Geilsdörfer. Die Strategie verknüpfe ganz selbstverständlich zwei Dinge: das Regionale und das Internationale. Beides werde gleich wertgeschätzt, gefördert, in Dialog miteinander gebracht. „Trotz des Wandels der vergangenen Jahre ist uns allen klar, dass wir noch am Anfang stehen und wir unser Ziel nicht aus den Augen lassen werden: eine Welt mitzugestalten, in der Bildung und Wissen allen offen steht, Innovation dem Wohle aller dient und gemeinsames Handeln die Lebensqualität kommender Generationen sichert.“