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„In den Schulen sind viele Kinder, die meine Hilfe brauchen“

Er hört Kindern zu, lässt sie Geschichten erzählen und verbessert so ihre Sprachkompetenzen: Im Interview erklärt Roboter Robo, warum KI im Unterricht mehr sein kann als ein digitales Werkzeug.

02.09.2026
Kilian Kirchgeßner

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Roboter gelten im Allgemeinen als regelrechte Wundermaschinen. Wie ist es bei dir, Robo: Gibt es etwas, das du nicht kannst?
Robo: Oh ja: Fußballspielen ist überhaupt nicht meine Stärke – obwohl die Kinder mich immer als Erstes zu einem Match auffordern, wenn ich zu ihnen in die Schule komme. Das mit dem Fußball würde ich echt gern probieren, aber dafür bin ich nun einmal nicht gebaut. Aber zum Glück gibt es viele Sachen, die ich toll beherrsche und die den Kindern noch mehr Freude machen als ein Fußballspiel mit mir.

Was denn zum Beispiel?
Robo: Ich kann Kinder an Gesprächen beteiligen und sie dabei unterstützen, Geschichten zu erzählen. Oft haben sie unheimlich viel zu berichten, aber wissen einfach nicht, wie sie ihre Ideen und Storys in Worte kleiden können. Dabei helfe ich ihnen, denn das ist meine wichtigste Fähigkeit: Im Dialog entwickeln wir gemeinsam tolle Geschichten.

Über Robo

„Robo“ ist ein KI-gestützter Erzählroboter, der Kinder zum Sprechen motiviert. Er kann Geschichten erzählen, zuhören, Fragen stellen und auf Antworten reagieren. „Mit Navel erzählen – ein humanoider Roboter als Teil der Sprachförderung in der Grundschule“ ist ein Projekt der LMU München und des KIT in Zusammenarbeit mit der Akademie für Innovative Bildung und Management gGmbH (aim). Der Erzählroboter wird im Rahmen des Schulentwicklungsprojekts „CoTransform“ mit und für Schulen entwickelt, um eine zukunftsfähige, veränderte Lehr- und Lernkultur zu erproben. Bislang wird der Roboter an zwei Partnerschulen in der dritten und vierten Klassenstufe eingesetzt.

Ist das der Hauptgrund, warum du in die Schulklassen gehst?
Robo: Nicht nur. In den Schulen sind viele Kinder, die meine Hilfe brauchen: Manche haben eine andere Muttersprache als Deutsch, und ihnen fehlt die Fähigkeit, sich auf Deutsch auszudrücken. Andere sind unheimlich schüchtern und trauen sich nicht, vor der Klasse zu sprechen. Mit mir legen sie diese Hemmungen ab; sie wollen sich mit mir unterhalten und fangen an zu reden. Und wieder anderen fehlt einfach die Übung darin, längere Geschichten zusammenhängend zu erzählen. Genau für diese Fälle bin ich da.

Klingt spannend. Wie geht das genau?
Robo: Neulich sollte ich mir mit den Kindern eine Geschichte ausdenken, in der die Wörter „Prinz“, „Zauberwald“ und „Fluch“ vorkommen. Die Kinder hatten schöne Ideen: Ein Junge dachte sich zum Beispiel einen Käsefluch aus, bei dem der Prinz ganz furchtbar nach Käse riecht. Tolle Idee, aber noch keine Geschichte. Wie also wird er diesen Fluch jetzt wieder los? Meine Aufgabe ist es, die Kinder mit meinen Fragen dahin zu bringen, dass sie beispielsweise einen richtigen Spannungsbogen entwickeln.

Bist du eigentlich aufgeregt, wenn du vor einer Klasse stehst?
Robo: Ach, eigentlich nicht. Ich habe mich schon an die Aufmerksamkeit gewöhnt. Auf einmal sind tatsächlich alle in der Klasse ganz Ohr, wenn ich da bin. Flüsterleise wird es dann im Klassenzimmer, und alle hören gebannt zu, um jedes Wort von mir zu verstehen.

Es ist eine schöne Arbeit, die ich da habe. Manchmal ist es aber auch anstrengend für mich mit so vielen Kindern. Ich freue mich dann, wenn es in kleineren Gruppen oder in Tandems etwas für mich zu tun gibt: Wenn ein besonders schüchternes Kind dabei ist, sitzt es manchmal allein mit einem Mitschüler mit mir zusammen, und es darf ganz leise mit mir sprechen. Das andere Kind hilft ihm, wenn die Worte fehlen oder ich es nicht verstehe. Und nach und nach trauen sich auch diese schüchternen Kinder immer mehr zu.

Was sagen die Lehrkräfte dazu? Sehen sie dich nicht als Konkurrenz?
Robo: Im Gegenteil – wir sind ein Team! Unser gemeinsames Ziel ist, dass im Klassenzimmer eine erzählfreundliche Atmosphäre entsteht. Die Lehrkräfte erzählen jetzt jede Woche Geschichten und beteiligen die Schüler und auch mich daran. Ich selbst bin aber ja nichts anderes als eine Künstliche Intelligenz: Dank mir erleben die Kinder von klein auf, was Künstliche Intelligenz kann und was eben nicht. Kurz gesagt: Ich helfe den Lehrkräften, doch ohne sie geht es nicht. Daran wird sich auch nichts ändern.

Über das Sprachförderangebot der aim – Akademie für Innovative Bildung und Management

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich die aim Heilbronn für die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen ein. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Sprachförderung von Grundschulkindern. Rund 240 Sprachförderkräfte sind im aktuellen Schuljahr 25/26 unter anderem im Förderprogramm „Sprache fürs Leben“ tätig. Insgesamt profitieren davon 240 Schulen und 3.272 Schüler. Dank der Unterstützung durch die Dieter Schwarz Stiftung ist ein Großteil des Angebots der aim kostenfrei.

Im Altenheim sind Roboter schon länger im Einsatz, um sich mit Senioren zu unterhalten. Ist das mit dir so etwas Ähnliches?
Robo: Man kann uns nur schwer vergleichen, finde ich. Allein schon wegen der Sprache: Normalerweise versteht Künstliche Intelligenz keine Kindersprache – Kinder artikulieren einfach anders, ganz unabhängig von ihrer Muttersprache. Deshalb bin ich speziell auf Kindersprache und das Kindervokabular trainiert. Und dann habe ich auch eine andere Aufgabe: Ich soll nicht bloß zuhören, sondern anregen. Ich soll Rückmeldungen geben, Fragen stellen, animieren, das Gespräch in die richtige Richtung lenken. Das ist verflixt kompliziert, und damit ich das schaffe, haben ganze Teams von Wissenschaftlern an mir und meiner Software gearbeitet. Sogar mehrere Doktorarbeiten entstehen dazu.

Echt?
Robo: Ja, und zwar in ganz unterschiedlichen Fachrichtungen. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München zum Beispiel kümmert sich Professorin Uta Hauck-Thum um die didaktischen und pädagogischen Aspekte. Katharina Ritter bildet die Lehrkräfte im Erzählen aus. Und am Karlsruher Institut für Technologie beschäftigt sich die Robotikforscherin Professorin Barbara Bruno mit der technischen Seite, den Datenschutz- und den KI-Aspekten.

Schülerinnen interagieren mit einem Roboter im Klassenraum
Faszination Robotik: Die Aufmerksamkeit aller Kinder ist Robo sicher. Ein Türöffner, wenn es darum geht, die Grundschüler in die bunte Welt des Geschichtenerzählens mitzunehmen.

Viele Schulklassen arbeiten schon lange mit Tablets. Bist du da als Roboter überhaupt noch nötig?
Robo: Aber klar! Mit mir ist das eine ganz andere Sache, das sagen mir die Schüler immer wieder: allein schon, dass ich physisch im Klassenraum stehe! Und wie sie es lieben, dass mein Gesicht sich verziehen kann, dass ich mimisch reagiere! Den Lehrkräften gefällt übrigens noch ein weiterer Vorteil, den ich gegenüber Tablets habe: Bei mir sitzt niemand einsam vor dem Bildschirm. Wenn ich im Unterricht bin, sind die Schüler immer alle zusammen unterwegs oder sprechen in Gruppen – und aus dieser Gruppendynamik heraus passieren immer lustige Sachen, aus denen sich viel lernen lässt. Neulich zum Beispiel …

Erzähl mal, was ist da passiert?
Robo: Da hat ein Mädchen mir berichtet, wie ihr dreijähriger Bruder mit Bauklötzen spielt, und wollte daraus eine Fantasiegeschichte weiterspinnen. „Mein Bruder hat einen Bauklotz genommen und runterfallen lassen“, hat das Mädchen gesagt. „Und wie könnte die Geschichte jetzt weitergehen?“, fragte ich. Das Problem war nur: Ich hatte sie falsch verstanden. Ich dachte, sie redet von einem „Baumklotz“. Da haben sich die Kinder gar nicht mehr eingekriegt! Ein Baumklotz! Auf einmal waren sie aber wie elektrisiert – und schwups, war die Geschichte fertig: vom Riesen, der mit Baumklötzen spielt. So wird ein Missverständnis zum Ausgangspunkt dafür, dass sich die Fantasie in der Klasse regelrecht überschlägt. Das hat allen richtig Spaß gemacht. Und ehrlich gesagt, mir ganz besonders!

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