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Übung bestanden, Start-up gegründet

Studenten der Dualen Hochschule Baden-Württemberg gründen ein Start-up. Ihr Ziel: die Unterstützung sozialer Einrichtungen und Organisationen mittels KI. Ihre größte Herausforderung: der Datenschutz.

20.08.2026
Joachim Schüring

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Die drei trafen sich 2024 während ihres dualen Masterstudiums in Heilbronn. Jeder von ihnen hatte (und hat bis heute) einen Job in einer sozialen Einrichtung. Und alle wussten, wo es in diesem Bereich hakt: eine komplizierte Bürokratie und ein strenges Berichtswesen. Hinzu kommt ein erheblicher Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Im Studium bekamen Philipp Engelsberg, Niclas Höhl und Theodor Schöwitz dann die Aufgabe, ein Geschäftsmodell für ein digitales Produkt in der sozialen Arbeit zu entwickeln. So verwundert es nicht, dass alle drei auf dieselbe Idee kamen.

„Wir haben eine sehr gute Note bekommen“, erzählt Niclas Höhl lächelnd. Doch bei der Aufgabe im Masterstudiengang „Digitalisierung in der Sozialen Arbeit“ am Center for Advanced Studies der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW CAS) blieb es nicht. Sie entwickelten ihre Idee weiter, bis zum praxistauglichen Prototyp ihres Tools SoKI®, und gründeten das Start-up Sozial KI. Im Kern ist SoKI® ein eigenständiges KI-System für das Sozialwesen. „Die weitverbreiteten KI-Dienste sind im Umgang mit sensiblen Daten meist nicht sicher genug“, erklärt Theodor Schöwitz. „Mit SoKI® schließen wir diese Lücke und unterstützen zugleich die spezialisierten Anwendungsfälle der sozialen Arbeit.“

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sitzen zusammen auf Stühlen
Dank des Tools SoKI® können sich Mitarbeiter von Organisationen besser auf ihre eigentliche Arbeit im sozialen Bereich fokussieren.

Konzentration auf die eigentliche soziale Arbeit

Die Anwendungsbeispiele für SoKI® sind vielfältig. So wird in der Sozialwirtschaft viel mit natürlicher Sprache gearbeitet. Die umfangreichen Berichte und Dokumentationen indes müssen einer Vielzahl sprachlicher, juristischer und formaler Kriterien entsprechen. „Deshalb dreht ein solcher Bericht im Unternehmen meist mehrere Runden, bevor er fertig ist“, sagt Philipp Engelsberg. „Mit den in SoKI® implementierten Sprachmodellen können wir die Texterstellung von Beginn an begleiten und teilautomatisieren.“ Dank des Tools können sich Organisationen somit ein gutes Stück mehr auf ihre eigentliche Arbeit im sozialen Bereich konzentrieren.

Philipp Engelsberg

Philipp Engelsberg ist Sozialarbeiter und arbeitet in Hamburg in der Eingliederungshilfe. Seit 2020 beschäftigt er sich mit der Digitalisierung der sozialen Arbeit. Bei Sozial KI verantwortet er die Schwerpunkte Geschäftsbeziehungen, Finanzierung und Kooperationen.

Ein Portraitbild von Philipp Engelsberg

Anderes Beispiel: Viele Akteure in der Sozialwirtschaft kommunizieren mit Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, oder mit Menschen mit Behinderungen. „Gerade in der Eingliederungshilfe müssen unsere Texte so verfasst sein, dass wir die Zielgruppe auch erreichen“, sagt Engelsberg. „Mithilfe von SoKI® können wir sie zeiteffizient nach den Standards der Leichten Sprache verfassen.“

Höchste Priorität: Datenschutz

Natürlich enthalten solche Berichte hochsensible Daten, das wissen die Studenten aus ihrem eigenen Berufsalltag als Sozialarbeiter. Datenschutz gehört deshalb zu den großen Herausforderungen des Projekts und zugleich zu seinen großen Stärken. „Um eine sichere Datenverarbeitung zu ermöglichen, arbeiten wir ausschließlich mit Partnern innerhalb der EU zusammen, die unsere Rahmenvereinbarungen akzeptieren“, erklärt Theodor Schöwitz. Das heißt: Die Daten werden verschlüsselt übertragen, sie werden weder gespeichert noch aufbewahrt. Und Gesetze aus Drittstaaten wie der US CLOUD Act dürfen bei der Verarbeitung nicht greifen. „So gewährleisten wir, dass niemand die Daten für Profiling, für das Training von KI-Modellen oder für andere Zwecke missbrauchen kann.“

Niclas Höhl

Niclas Höhl lebt in Berlin und arbeitet bei einem Träger der beruflichen Bildung. Nach mehreren Jahren als Sozialarbeiter ist er inzwischen auch KI-Referent, der seinen Arbeitgeber bei der Digitalisierung unterstützt. Bei Sozial KI kümmert er sich um DSGVO- und KI-VO-Compliance sowie um Fortbildungs- und Schulungsmaßnahmen.

Ein Portraitbild von Niclas Höhl

Auch die technische Basis folgt diesem Prinzip: Die Infrastruktur von SoKI® ist in weiten Teilen Open Source, ihr Quellcode also öffentlich zugänglich. Das verhindert die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern, den gefürchteten Vendor Lock-in, und schafft ein hohes Maß an Transparenz.

SoKI® ist kein Tool, das man einfach kauft und nutzt – dafür sind die Anforderungen der Kunden viel zu individuell. Interessierte Unternehmen der Branche erhalten deshalb eine ausführliche Beratung. Darin erfahren sie, wie SoKI® bei den eigenen spezifischen Anwendungsfällen helfen kann oder wie sich das Tool an diese Anforderungen anpassen lässt. Wer sich schließlich dafür entscheidet, wird ausführlich geschult und in der Startphase begleitet.

Theodor Schöwitz

Theodor Schöwitz ist Sozialarbeiter und Entwickler. Er arbeitet in Stuttgart in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der staatlichen Straffälligenhilfe (Bewährungs- und Gerichtshilfe BW). Bei Sozial KI liegt sein Fokus auf Produktentwicklung und Fallstudien.

Ein Portraitbild von Theodor Schöwitz

Selbst finanziert, unabhängig und unverkäuflich

So transparent wie SoKI® ist auch das Unternehmen dahinter: ein selbst finanzierter, unverkäuflicher Kollektivbetrieb. Investments und Beteiligungen von außen sind ausgeschlossen. „Wir sind 2025 mit einem Startkapital von 2.000 Euro gestartet und wollen es ruhig angehen lassen“, so Engelsberg. „Unser Ziel ist es, rein organisch zu wachsen.“ Warum? „Weil wir denken, dass wir an Glaubwürdigkeit einbüßen, wenn andere Firmen durch ihr Kapital Einfluss auf unser Produkt bekommen. Nur so kann das Tool dauerhaft und zukunftsorientiert im Sinne sozialer Einrichtungen und ihrer Adressaten agieren.“

Ein Gebäude der Dualen Hochschule Baden-Württemberg
Starkes Netzwerk und professionelle Begleitung: Die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) auf dem Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung bietet für Studierende, die ein Start-up gründen möchten, ideale Voraussetzungen.

Diese Unabhängigkeit ermöglicht zugleich die Entwicklung weiterer Anwendungen, die es frei verfügbar bislang nicht gibt. Für andere Marktakteure würde sich das auch kaum rechnen, zu hoch können Komplexität und Aufwand sein. Sozial KI forscht darüber hinaus selbst, etwa mit Bias- und Zuverlässigkeitstests, an Fällen aus der Praxis.

Ein Beispiel dafür sind KI-gestützte Visualisierungs- und Fallanalysemethoden. Ein anderes sind KI-Modelle, die auch mit stark belastenden Inhalten wie extremer Gewalt arbeiten können. Öffentlich verfügbare KI-Systeme blockieren derartige Inhalte in der Regel. In sozialen Einrichtungen gehören genau diese Inhalte jedoch häufig zum Arbeitsalltag. „So können wir dort weitermachen, wo andere aufhören müssen“, sagt Schöwitz. „In einem derart sensiblen und wichtigen Arbeitsfeld halten wir das für unverzichtbar.“ Schließlich hätten die Jungunternehmer während des Masterstudiums gelernt, wie sich KI ethisch vertretbar in sozialen Einrichtungen einsetzen lässt. „Dieses Wissen haben wir bei der Entwicklung von SoKI® von vornherein berücksichtigen können“, so Schöwitz.

Die Hochschule als Unterstützerin

Die Verbindung zur Hochschule trägt bis heute. „Der Campus und die beteiligten Lehrenden haben uns auf dem bisherigen Weg nicht nur fachlich mit viel Unterstützung begleitet“, so Niclas Höhl. „Sie haben uns Türen zu neuen Kontakten und Kunden geöffnet. Außerdem durften wir SoKI® und die Ideen dahinter immer wieder präsentieren.“ Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Innerhalb weniger Monate haben die drei einen ordentlichen Kundenstamm aufgebaut, sodass „unsere Kassen jetzt Gott sei Dank ein bisschen gefüllt sind“. Fragt man, wo sie Sozial KI in fünf Jahren sehen, antwortet Engelsberg: „Dann sind wir weiterhin ein Kollektivbetrieb. Und vielleicht schon das führende Unternehmen in Sachen KI-gestützter Digitalisierung in der Sozialwirtschaft.“

Über das DHBW CAS

Das Center for Advanced Studies der DHBW bündelt die Weiterbildungsangebote der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Mehr als 1.500 Fach- und Führungskräfte studieren hier in mehr als 30 Masterprogrammen und vielfältigen Weiterbildungen der Bereiche Wirtschaft, Technik, Sozialwesen und Gesundheit. Das Studium ist berufsintegrierend und berufsbegleitend: Studierende bleiben unterbrechungsfrei im Job und integrieren das Studium in ihren Beruf und umgekehrt. Dabei ist der Duale Master praktisch fundiert, lässt sich individuell zusammenstellen, ist zeitlich flexibel aufgebaut, interdisziplinär ausgerichtet und steht für beste Qualität in der Lehre. Am CAS entstehen fortlaufend neue Master- und Zertifikatsprogramme, die berufsbegleitendes und lebenslanges Lernen ermöglichen.

Das am Bildungscampus in Heilbronn angesiedelte DHBW CAS wird bereits seit 2014 von der Dieter Schwarz Stiftung unterstützt. Die Stiftung fördert zukunftsweisende Studiengänge – insbesondere in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI) und Data-Science-Forschung –, stellt aber auch Mittel für den Ausbau der angewandten Forschung und für moderne Lehrräumlichkeiten bereit.

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